Die Gesichter hinter NIIMO: Prof. Dr. Andreas Wendemuth

Herr Prof. Dr. Wendemuth, Sie leiten an der OVGU den Lehrstuhl für Kognitive Systeme. Wie können diese in Ihrer Einschätzung zur Entwicklung intelligenter Mobilitätsangebote beitragen?
Kognitive Systeme sind technische Realisationen menschlicher kognitiver Fähigkeiten wie Sprache, Bilderkennung, Interpretation von Szenen, Dialoge und Verhandlungen. Dabei werden menschliche Denk- und Lernprozesse in IT-Systemen nachgeahmt, auch mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Auf diese Weise werden im Bereich der Mobilität kognitive Entscheidungsmodelle zu Verkehrssimulation, Datenmanagement und nutzerzentriertem Design genutzt, um nachhaltige, gesellschaftlich akzeptierte und psychologisch fundierte Echtzeitlösungen für Mobilitätsprobleme zu generieren. Spezifische Nutzerbedürfnisse und Voraussetzungen für eine breite Akzeptanz können durch Szenarioexperimente in groß angelegten Feldstudien validiert werden, sodass die zunächst kontextspezifischen Erfahrungen in verallgemeinerbares Wissen übertragen und somit der Gesellschaft zugänglich gemacht werden können.
An der OVGU hat sich aus dem Zusammenschluss mehrerer Fachgebiete der Intelligente Mobilitätsraum (IMR) gebildet, an welchem mehrere Professuren mitwirken. Welche Themen beschäftigen Sie derzeit und worin liegt der Mehrwert dieser interdisziplinären Zusammenarbeit?
Der IMR möchte einzelne, meist firmen- oder organisationsspezifische Mobilitätssysteme zu einer neuen Form von nutzerorientierten, systemoptimierten, umweltfreundlichen und nachhaltigen regionalen Räumen weiterentwickeln. Die rasche Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis erfolgt mit einem Reallabor und einem Digitalen Zwilling im Magdeburger Wissenschaftshafen. Mich persönlich beschäftigt dabei vor allem der Bereich der Interaktion zwischen Menschen und den informationstechnischen Funktionen des Digitalen Zwillings. Wir arbeiten mit unsren Kognitiven Systemen an verbesserten Mobilitätsangeboten in Echtzeit, personalisiert auf die Bedürfnisse der Nutzer und angepasst an die Tagesplanung. Sie sind ein ökologischer Typ, haben gerade Ihren Einkauf erledigt und müssen Ihr Kind rechtzeitig von der KiTa abholen? Wir organisieren für Sie ein Lastenfahrrad in Echtzeit und berechnen Strecken für Sie, so dass Sie alle Ihre Termine wahrnehmen können. Und wir haben einen Plan B, falls etwas nicht klappt – verlassen Sie sich auf uns. Solche Arten von Lösungen gelingen – als Mehrwert – nur in Zusammenarbeit von Ingenieuren, Informatikern, Psychologen, Logistikern und allen beteiligten Anbietern von Services und Daten.
Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden bei der Umsetzung intelligenter Mobilitätslösungen und was braucht es aus Ihrer Sicht, um diese schneller in die Praxis zu bringen?
Wir haben noch nicht über zwei wichtige Hürden gesprochen: Datensicherheit und Akzeptanz. Datensicherheit bedeutet: Ihre Mobilitätsdaten sollten immer nur im Augenblick erhoben und dann wieder gelöscht werden, Ihre Mobilitätsprofile und persönlichen Präferenzen sich nur auf Ihren lokalen Geräten befinden. Jederzeit sollten Sie Informationen erhalten können, was wo abgelegt ist, und dies auch bei entsprechendem Wunsch aktiv ändern können. Akzeptanz heißt, dass Digitale Zwillinge ihre Entscheidungen begründen können, so dass Sie den Services – wie oben im Beispiel – letztendlich vertrauen. Was es also zur Umsetzung braucht, ist vollständige Transparenz aller Beteiligten in der Zusammenarbeit.
Wenn Sie auf NIIMO blicken: Wie bewerten Sie die Entwicklung seit der Gründung im Jahr 2021?
NIIMO ist vor fünf Jahren gegründet worden als „Basis für den gemeinsamen Aufbau eines Akteurs-Bündnisses aus Kompetenzträgern im Themenfeld Mobilität & Leben/Wohnen der Zukunft in Sachsen-Anhalt“, wie es in der ersten Kooperationsvereinbarung hieß. NASA GmbH und Otto-von-Guericke-Universität haben ihre Ansätze mit einem breiten Querschnitt solcher Kompetenzträger in Magdeburg und der Region diskutiert, sowohl in breiten Foren („round-tables“) wie auch in 1:1 Kooperationen. Daraus sind Vorzeige-Lösungen entstanden wie der autonome Elbi-Bus oder Mobilitätsplattformen als Apps. Heute, 5 Jahre später, sind wir an einem Punkt, wo wir uns auf breitenwirksamere gemeinsame Vorhaben konzentrieren, wie z.B. automatisierte und vernetzte Mobilität im Straßenverkehr mit entsprechenden Leitstellen, Digitalisierung und KI-Unterstützung von interaktiver Fahrgastinformation und Verkehrssystemen, Personalisierung, Akzeptanz, Partizipation sowie gesellschaftliche und organisatorische Rahmenbedingungen neuer Mobilitätslösungen. Man sieht also: wir sind näher dran am (praktikablen) Mobilitätsgeschehen der Zukunft.
Sie haben in der Theoretischen Physik promoviert. Was ist es aus Ihrer Sicht, das die Welt im Innersten zusammenhält?
Schon die Frage ist gigantisch, sie stammt von Goethe, wo Faust seinen grenzenlosen Wissensdurst zum Ausdruck bringt, aber auch seine tiefe Verzweiflung über die Grenzen des bisher Erreichten. Wenn Sie mich fragen, reicht mir der Wissensdurst, ich würde aber nicht die Antwort eines Physikers geben, also Quantenphänomene oder das Universum heranziehen, sondern eher einen systemischen Blick einnehmen: Wenn Systeme Abläufe verstehen und modellieren können, erzeugen Sie sinnhafte Zusammenhänge und schaffen damit Ordnung im uns umgebenden Chaos, indem sie sich durch Grenzen von ihrer Umwelt abheben. Also, nach einer alten Weisheit: Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.
Was würden Sie sich für die Zukunft der Mobilität in Sachsen-Anhalt persönlich wünschen?
Eine Menge. Nicht dass überall jede Form von Mobilität angeboten wird. Sondern dass wir ein Vorzeigeland werden, das Mobilität „kann“ sowohl in Großstädten wie auch in der ländlichsten Ecke, an den Bedürfen und Vorlieben der Menschen orientiert und dabei bezahlbar und einfach handhabbar. Das größte Lob wäre, wenn andere auf uns blicken und sagen: SO sollte man es machen!