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Die Gesichter hinter NIIMO: Dr. Gonzalo Haefner

Wie würden Sie einem Kind erklären, was Sie heute beruflich machen?
Ich versuche zu verstehen, warum Menschen manchmal etwas tun, obwohl sie eigentlich etwas anderes möchten. Zum Beispiel kann jemand gerne mehr Fahrrad fahren und sich mehr bewegen wollen – und trotzdem am Ende fast jeden Tag das Auto nehmen. Im Projekt IMIQ entwickle ich dafür eine App namens SMOA (Smart Mobility Optimisation Assistant). Einem Kind würde ich sagen: in dieser App lebt so etwas wie ein kleiner digitaler Zwilling von dir. Er lernt, welche Verkehrsmittel du magst, wie du dich durch die Stadt bewegst und was dir dabei wichtig ist. Gleichzeitig schaut er auch darauf, was draußen passiert: ist es warm oder kalt? Ist es windig? Ist es hell oder dunkel? Gibt es viel Verkehr? Aus all diesen Informationen versucht das System zu verstehen, warum du dich zum Beispiel für das Auto, das Fahrrad oder den öffentlichen Verkehr entscheidest. Danach kann es dir diese Entscheidung in einfacher Sprache erklären, zum Beispiel über einen Chatbot. Es kann dir auch zeigen, ob deine Entscheidungen zu deinen eigenen Zielen passen. Wenn du zum Beispiel eigentlich mehr Bewegung möchtest, aber die ganze Woche nur mit dem Auto gefahren bist, könnte es dir sagen: „Heute ist gutes Wetter – möchtest du vielleicht mit dem Fahrrad fahren?“ Kurz gesagt: Ich versuche eine Technologie zu entwickeln, die nicht nur weiß, wie wir uns bewegen, sondern auch besser versteht, warum wir uns so entscheiden – und uns dabei unterstützt, Entscheidungen zu treffen, die besser zu unseren eigenen Zielen passen.

Welches Missverständnis über Ihre Forschung begegnet Ihnen am häufigsten?
Ich glaube, eines der größten Missverständnisse hat damit zu tun, was wir heute unter künstlicher Intelligenz verstehen. Wenn wir heute über KI sprechen, denken viele sofort an ChatGPT, große Sprachmodelle oder neuronale Netze. Diese Technologien sind inzwischen sehr präsent – nicht nur im Alltag, sondern auch in der Wissenschaft. Aber nur weil ein System Sprache erzeugen, Muster erkennen oder Verhalten vorhersagen kann, bedeutet das noch nicht, dass wir wirklich verstanden haben, was Intelligenz ist. Und schon gar nicht, dass wir grundlegende Fragen über den menschlichen Geist gelöst haben. Genau diese Fragen interessieren mich in meiner Forschung. Was ist eigentlich der menschliche Geist? Was verstehen wir unter Bewusstsein? Wie hängen Emotion und Kognition zusammen? Was bedeutet es eigentlich, eine Entscheidung zu treffen? Kann man Bewusstsein allein durch neuronale Netze erklären? Oder können bestimmte mentale Prozesse vielleicht durch mathematische Systeme beschrieben werden, ähnlich wie wir andere Phänomene in der Natur formalisieren? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Philosophie und Wissenschaft seit Jahrhunderten, und wir haben bis heute keine endgültigen Antworten. Deshalb geht es mir in meiner Forschung nicht nur darum, mit KI vorherzusagen, was ein Mensch tun wird. Mich interessiert vielmehr, welche Prozesse zu einer Entscheidung führen. Was möchte eine Person? Was glaubt sie? Was fühlt sie? Welche Alternativen sieht sie? Und was passiert, wenn Wünsche, Emotionen, Gewohnheiten und äußere Umstände miteinander in Konflikt geraten? Ich glaube, ein Teil der Verwirrung über Intelligenz und Bewusstsein entsteht interessanterweise auch innerhalb der Wissenschaft selbst, wenn sehr komplexe und noch offene Fragen manchmal so dargestellt werden, als wären sie bereits gelöst. Das kann außerhalb der Wissenschaft sowohl sehr hohe Erwartungen als auch Ängste gegenüber neuen Technologien erzeugen. Für mich ist deshalb die spannendere Frage nicht nur, ob eine Maschine intelligentes Verhalten zeigen kann, sondern was Intelligenz eigentlich bedeutet – und wie viel wir über unseren eigenen Geist tatsächlich schon verstanden haben.

Welche Relevanz hat Ihre Forschung für Sachsen-Anhalt?
Das ist für unsere Arbeit eigentlich eine ganz zentrale Frage, weil IMIQ bewusst transdisziplinär angelegt ist. Das bedeutet, dass wir Technologien nicht nur innerhalb der Universität entwickeln wollen, sondern gemeinsam mit öffentlichen Akteuren, Unternehmen und zukünftigen Nutzerinnen und Nutzern. Mobilität spielt in Sachsen-Anhalt eine wichtige Rolle, vor allem dann, wenn wir nicht nur an Magdeburg denken, sondern auch an die Verbindungen zwischen Stadt und ländlichem Raum. Ob Menschen zur Arbeit, zum Arzt, zu öffentlichen Einrichtungen oder zu Bildungsangeboten kommen oder überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, hängt stark davon ab, welche Mobilitätsmöglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen. Neue Technologien und neues Wissen können deshalb für die Region besonders relevant sein. Dabei geht es nicht nur darum, wissenschaftliche Expertise und qualifiziertes Personal in Sachsen-Anhalt aufzubauen. Wichtig ist auch, dieses Wissen gemeinsam mit den Menschen und Institutionen zu entwickeln, die die Probleme aus der Praxis kennen. In unserem Fall entwickeln und testen wir Prototypen im Wissenschaftshafen in Magdeburg und versuchen, die Erfahrungen und Bedürfnisse zukünftiger Nutzerinnen und Nutzer schrittweise einzubeziehen.Die Forschung soll also nicht innerhalb der vier Wände der Universität bleiben. Sie soll dazu beitragen, Mobilitätsangebote zu entwickeln, die besser zu den tatsächlichen Bedingungen und Bedürfnissen der Menschen in Sachsen-Anhalt passen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht forschen?
Wenn ich nicht gerade vor dem Computer sitze, versuche ich mich möglichst viel zu bewegen.Ich fahre sehr gerne Fahrrad, skate und gehe bouldern. Außerdem bin ich ein großer Fan vom Surfen und Reisen. Für Ende des Jahres plane ich gerade meine nächste Reise nach Marokko. In letzter Zeit habe ich außerdem angefangen, regelmäßiger zu laufen. Mein nächstes Ziel ist der Magdeburger Halbmarathon am 4. Oktober. Man kann also sagen, dass ich auch dann, wenn ich nicht gerade zum Thema Mobilität forsche, immer irgendwie in Bewegung bin.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kooperation zwischen Universität und der NASA GmbH?
Ich würde mir wünschen, dass sich die Zusammenarbeit zwischen der Universität und der NASA GmbH langfristig zu einer noch kontinuierlicheren und stärker strukturierten Kooperation entwickelt und nicht nur an einzelne Projekte gebunden ist. Ich glaube, es wäre sehr wertvoll, einen Rahmen zu schaffen, in dem wir gemeinsam neue Forschungsprojekte rund um Mobilität entwickeln können und die NASA dabei schon früh als strategischer Partner eingebunden ist. Sie bringt schließlich sehr viel praktische Erfahrung im öffentlichen Verkehr und ein sehr gutes Verständnis für die Mobilitätsbedürfnisse der Region mit. Eine langfristige Zusammenarbeit könnte zwei Perspektiven noch stärker zusammenbringen. Auf der einen Seite wissenschaftliche Forschung und die Entwicklung neuer Methoden und Technologien, auf der anderen Seite die praktische Erfahrung derjenigen, die sich jeden Tag mit Mobilität in Sachsen-Anhalt beschäftigen. Mein Wunsch wäre, dass daraus nicht nur neue Ideen entstehen, sondern dass wir diese auch gemeinsam erproben und evaluieren können und gute Lösungen dann möglichst den Weg aus der Forschung in die Praxis finden.